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Von der Vielfalt zur Eintönigkeit

Die Artenarmut der Fichten-Monokulturen



"Wer hat Dich Du schöner Wald aufgebaut so hoch da droben?", fragte einst Eichendorff. Die Antwort fällt ganz anders aus, als es wohl dem Dichter vorschwebte. Es war der Mensch, der den Wald in den letzten Jahrhunderten so wachsen ließ, wie er ihn benötigte. Würden wir nicht eingreifen, sähen die Wälder ganz anders aus. Nach Ansicht von Forstleuten wäre Deutschland überwiegend von Buchen-Mischwälder bedeckt. In den tieferen Lagen würde die Eiche eine große Rolle spielen. Nur in mittleren und höheren Lagen wären Fichte und Tanne in geringem Maße beigemischt. Reine Fichtenwälder wären wahrscheinlich nur in den Hochlagen der Mittelgebirge. Die Kiefer würden wir nur auf sehr trockenen Standorten antreffen.

Die Fichte in Ostbayern


Die Fichte finden wir in Ostbayern vorallem in den Mittelgebirgslagen des Steinwaldes, Oberpfälzer Waldes und des Bayerischen waldes. Sie ist dort die vorherrschende Baumart. Zum Teil sind dort von Menschenhand künstliche Reinbestände angepflanzt worden. Diese Bestände aus einer einzigen Baumart sorgen jedoch immer wieder für Ärger. Seien es nun Insektenkalamitäten, wie die zur Zeit im Nationalpark Bayerischer wald grassierende Borkenkäfer-Plage - oder Schnee und Sturmschäden. Eine solche verheerende Katastrophe verursachte im November 1984 ein Orkan. Allein in der Oberpfalz warf er 200.000 Kubikmeter Holz zu Boden.

Baumwanderungen


Nicht nur Menschen und Tiere wandern - auch Bäume tun dies. Vorallem die Eiszeiten waren es, welche die verschiedenen Baumarten zu Wanderungen veranlaßten. Genauer gesagt ist dabei nicht der einzelne Baum gewandert, sondern die verschiedenen Baumarten haben ihr Areal verschoben. Nach der Eiszeit waren es schließlich nur noch einige wenige Baumarten, die diesen Selektionsprozeß überlebten. Diese kehrten von ihren Rückzugsgebieten südlich der mitteleuropäischen Gebirgszüge nach Norden zurück.

Waldesstimmung


Welchen Eindruck wir von einem Wald haben und welche Stimmung uns bei einem Spaziergang durch ihn überkommt, ist größtenteils davon abhängig, aus welchen Baumarten er besteht. Ein Buchenwald etwa, stimmt uns heiter. Gleichzeitig vermittelt er uns mit seinen hohen silbrigen Stämmen etwas majestätisches. Es ist, als würde man durch einen gotischen Dom wandeln. Einen düsteren Eindruck vermittelt uns dagegen ein dichter Fichtenbestand. Die eng zusammenstehenden Bäume lassen kaum Licht durch, wodurch die unteren Äste abgestorben sind. Trotz ihrer Monotonie können solche Wälder recht eindrucksvoll sein, vorallem wenn darin großartige Baumgestalten zu finden sind, wie es in manchen Hochlagen unserer Mittelgebirge der Fall ist.


Wiederum ganz anders wirkt auf uns ein Fichtenwald mit Bäumen verschiedener Jahrgänge. Eine solche Baumgesellschaft ist für die meisten bezeichnend für den Begriff "Wald" schlechthin. Hat doch die Fichte bei uns einen Anteil von 40 Prozent. Und dies nicht erst seit gestern. Wie märchenhaft wirkt doch ein Fichtenbestand mit jungen Bäumchen - vorallem im Winter, wenn der Schnee sie in vermummte Spukgestalten verwandelt hat. Im Sommer sorgen Heidelbeersträucher auf dem Boden dafür, daß köstliche Beeren nur darauf warten, um von uns gepflückt zu werden. Im Spätsommer gedeiht auch manch prächtiger Steinpilz unter den jungen Fichtenbäumchen. Doch dieses heile Bild vom Fichtenwald existiert nur für den Laien. Der Ökologe, Naturkenner und Forstmann sieht dies ganz anders.

Fichtenwüsten


Wahrend eine Oase ein Ort üppigen Lebens in einer sonst tristen Gegend ist, bezeichnet das Wort "Wüste" das Gegenteil. Zu solchen sind die meisten unserer Nadelwälder geworden, vorallem, wenn sie aus reinen Fichtenbeständen bestehen. Monotonie ist hier vorherrschend. Mit Vielfalt und Artenreichtum haben solche Holzfabriken nichts mehr zu tun. Auf dem Boden, der nur von einer zentimeterstarken Schicht aus Nadelstreu bedeckt ist, gedeiht kaum Vegetation, mit Ausnahme in jungen Nadelbaumanpflanzungen. Der Abbauprozeß dieser Nadelschicht geht nur langsam voran. Dadurch wird die Keimung und der Aufwuchs jeder weiteren Vegetation erschwert. Auch sind die Böden stark versauert. Das gleiche gilt für die Quellen und Wasserläufe in diesen Monokulturen. Forellen sind in solchen Bächen kaum mehr zu finden.
Schnee, Sturm und Insekten haben in den Reinbeständen unserer Wirtschaftswälder beste Voraussetzungen, ihre waldzerstörerische Tätigkeit zur Geltung zu bringen. Auch Feuer hat hier ein leichtes Spiel. Oft genügt in Trockenzeiten ein einziger brennender Zigarettenstummel, um einen Waldbrand zu entfachen. Holzzerstörende Pilze, wie Hallimasch und Schwefelporling können sich in den Monokulturen ungehindert ausbreiten. Ebenfalls findet der Borkenkäfer günstige Voraussetzungen zur massenhaften Vermehrung. Dies ist vorallem nach Stürmen der Fall. Diesen hält die flachwurzelnde Fichte kaum Stand. Immer wieder reißen Orkane Lücken in die angepflanzten Wälder. Dadurch entstehen für den Wind immer größere Angriffsflächen. In Nadelwäldern, die unter naturnahen Bedingungen aufgewachsen sind, besteht diese Gefahr kaum.

Die zwei Gesichter der Fichte


Die Fichte wird von uns sehr unterschiedlich beurteilt. Ökologen sehen sie vorallem in der Monokultur nur ungern. Von ihnen wird sie nicht selten verteufelt. Doch es ist der Mensch, der diese Baumart an Standorten anbaut, auf denen sie ansonsten nicht vorkommt. In der Regel ist die so vital erscheinende Fichte in ihrer Durchsetzungskraft den Laubbäumen unterlegen. Nur die schützende und pflegende Hand des Forstmanns war es, der ihr zum Durchbruch und so zu ihrer heutigen Stellung verhalf.
Der Waldbauer, aber auch derjenige, der an ihr verdient, lobt die Fichte in den höchsten Tönen. Ihre Argumente für sie sind: Fichtenanpflanzungen sind billig und problemlos. Schon frühzeitig verdient man an ihnen (Weihnachtsbaum). Durch ihr rasches Wachstum ist ihr Holz schneller als das anderer Bäume verwertbar. Fichtenholz findet eine solch vielfältige Verwendung, so daß sich eine Aufzählung erübrigt. Von Natur aus zeichnet sich die Fichte durch eine außerordentliche Unempfindlichkeit gegen Kälte aus. Sie wächst auch auf feuchten und sehr sauren Standorten.

Nur wenige Vogelarten


Wer im Frühjahr durch einen Nadelwald geht, wird kaum Vogelstimmen vernehmen. Im Vergleich dazu findet im Misch- oder Laubwald ein regelrechtes Vogelkonzert statt. Im Nadelwald sind nur wenig Nahrungsquellen für pflanzenfressende Tiere vorhanden. Aus diesem Grund gibt es auch nur wenige Tierarten. Unter den Pflanzenfressern in der Vogelwelt sind es vorallem Kreuzschnabel, Gimpel und Zeisig. Bei den Insektenfressern sind es Kohl- und Haubenmeise sowie die Spechtarten, die hier zuhause sind.
Pilze fühlen sich dagegen auch in Fichten-Monokulturen wohl. Man findet dort verschiedene Arten. Neben den Milben und Springschwänzen spielen sie eine wesentliche Rolle im Abbauprozeß der Streuschicht. Unter den Großpilzen sind es vor allem Täublinge, Maronenröhrling, Steinpilz, Milchlinge und Schwefelköpfe, die dem Spaziergänger auffallen. Einige Pilzarten gehen mit Fichten auch eine Symbiose ein. Zu diesen zählen unter anderem Steinpilz, Maronenröhrling, Fliegenpilz, Fichtenblutreizker und Wieseltäubling.

Lebensraum Wald


Wald - was bedeutet dieses kurze Wort nicht alles! Für unseren Planeten und der darauf wohnenden Menschheit verkörpert es Sauerstoff und Leben. Für den einzelnen Menschen selbst ist der Wald ein Ort der Erholung und Entspannung sowie ein wichtiger Rohstofflieferant. Und für die darin wohnende Tierwelt ist er ganz einfach der Lebensraum, von dem sie abhängig ist. Dieses kleine Wort "Wald" hat also eine ungemein große und wichtige Bedeutung für uns alle. Der Wald ist ein besonderer Lebensraum. Er ist die komplizierteste und mächtigste Erscheinungsform, die das Leben auf der Erde hervorgebracht hat. Dabei ist es natürlich ein großer Unterschied, von welchem Wald wir sprechen; denn Wald ist nicht gleich Wald!


Die Holzplantagen, wie sie in diesem Jahrhundert angepflanzt wurden, sind artenarrm an Pflanzen und Tieren. Dies gilt in besonderem Maße für Vögel. Meist sind diese Fichtenbestände nur vereinzelt mit Lärchen, Vogelbeere und einigen wenigen anderen Baumarten aufgelockert. Obwohl diese Wirtschaftswälder immer noch von vielen Forstwirten sehr geschätzt werden, verdienen sie kaum die Bezeichnung Wald im herkömmlichen Sinn. Schon dadurch, daß die Bäume Reihe an Reihe aneinanderstehen und dadurch kein Licht auf den Boden fällt, kann sich darin kein vielfältiges Leben entwickeln.


Auch die Böden eines Nadelwaldes sind ganz anders beschaffen als die eines Laub- oder Mischwaldes. Während in letzteren die im Herbst abgeworfenen Blätter sehr schnell verrotten, bildet sich auf dem Boden eines Nadelwaldes eine dicke Nadelschicht die oft bis zu 20 cm und noch stärker werden kann. Sie wird auch nur sehr langsam abgebaut. Diese Streuschicht ist das charakteristische Erscheinungsbild eines Nadelwaldes. Im Gegensatz zu Laubwaldböden sind hier aufgrund der Versauerung und Stickstoffarmut auch keine Regenwürmer und Schnecken vertreten. Trotzdem wird auch im Nadelwald alles anfallende tote Material vom Holz über die Nadeln bis zu Tierkadavern von den verschiedensten Kleinlebewesen abgebaut und dem Boden in Form von Mineralsalzen wieder zugeführt. Es gibt also auch in diesem Ökosystem - wie überall in der Natur - keinen Abfall.

Die verschiedenen Stockwerke eines Laub- und Mischwaldes


Ganz anders dagegen der Mischwald oder reine Laubwald. Hier gibt es die unterschiedlichsten Waldgesellschaften. Ob es jetzt Fichten-Buchenwälder, Eichen-Buchenwälder oder reine Buchenwälder sind. In allen ist die Pflanzenvielfalt und der Tierreichtum ungemein groß.
Jeder Wald, vor allem Laub- und Mischwald, setzt sich aus mehreren Stockwerken zusammen. So wie in einem Hochhaus jede Etage oft einer anderen Nutzung zufällt, so leben auch in einem Wald je nach Etage, andere Tier- und Pflanzenarten. Trotzdem ist aber ein reger Austausch zwischen diesen verschiedenen Lebensräumen gegeben. Sie sind in einem ökologischen Kreislauf miteinander verbunden und bilden ein vernetztes System. Die Zahl an Vogelarten ist z.B. in Wäldern mit mehreren Etagen am häufigsten, während in eintönigen Fichtenplantagen, in denen der Wald nur eine Kronschicht und einen Stammraum hat, am geringsten ist.
Die Kronen der hohen Bäume (ca. 35 bis 40 m) bilden das oberste Stockwerk. Es ist zugleich auch das Dach des Waldes. Die nächste Etage wird dann von dem Baumbestand gebildet, der eine geringere Höhe (15 bis 25 m) erreicht. Es sind Baumarten wie die Eberesche oder Hainbuche. Sie bilden im Wald auch eine einheitliche Zone. Das vorletzte Stockwerk ist dann die Strauchschicht, die eine Höhe von etwa 5 Metern erreicht. Man bezeichnet sie auch als Unterholz. Je nach Waldart sind dies Faulbaum, Hasel, Holunder oder Wacholder. Das Erdgeschoß ist dann der Waldboden mit seinen Moosen, Pilzen und Gräsern bis zu einer Höhe von 20 cm. Hier ist die lebensvielfalt an Pflanzen und Tieren am größten. Aber auch der Boden selbst ist noch einmal unterteilt in die Humusauflage, den Oberboden und den Unterboden.
In einem Buchenwald leben etwa 7.000 Tierarten. Von diesen sind mehr als 5.000 Insekten und nur etwa 100 zählen zu den Wirbeltieren. Da in einem Wald, im Gegensatz zur landläufigen Meinung, nur weniges für die Tiere freßbar ist, herrscht immer ein gewisser Mangel an Nahrung. Vieles ist nämlich unverdaulich, giftig, verholzt, mit Dornen oder Stacheln bewehrt oder hoch oben in den Bäumen unerreichbar. Tiere, die über dem Boden leben, zehren deshalb von einer schmalen Ernährungsbasis.

Der Mischwald als Vogelparadies


In den verschiedenen Etagen der Mischwälder haben die Vögel ihren Lebensraum. Hier finden sie im Gegensatz zu reinen Fichten- oder Kiefernwäldern unzählige Nistmöglichkeiten. Hier sei nur das Beispiel Buchenwald aufgeführt: Am Boden finden Arten wie die Amsel, Singdrossel, Rotkehlchen, Buchfink und Hekenbraunelle ihre Nahrung. In der nächsten Etage, der Strauchschicht sind Gelbspötter sowie Garten-, Dorn- und Mönchsgrasmücke zu Hause. Die Stämme wiederum sind Nahrungsgrundlage für Buntspecht, Kleiber, Waldbaumläufer, Zaunkönig und Gartenbaumläufer. Insektenfresser, die vorwiegend auf Zweigen und Ästen nach Nahrung suchen, sind Sumpfmeise, Blaumeise und Kohlmeise. In den Baumkronen suchen Zilpzalp, Fitis, Waldlaubsänger und Wintergoldhähnchen nach Insekten und die Grünlinge nach Samen. In der Luft dann, sozusagen als fliegenschnappende Arten sind Gartenrotschwanz, Gras- und Trauerfliegenschnäpper bekannt. Überall zu Hause sind als Allesfresser die Ringeltaube, Kernbeißer, Hohltaube, Pirol und Eichelhäher. Zu guter Letzt seien noch Waldkautz, Sperber und Rabenkrähe genannt.


Text und Foto © Walter J.Pilsak

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