Wintertage im Wald
Sonne, Eis und Schnee lassen zauberhafte Anblicke
erscheinen
Klirrende Kälte liegt in der Luft. Sämtliche Bäume und Sträucher sind unter
der schweren Schneelast wie zu vermummten Spukgestalten erstarrt. An Gräsern, Zweigen
und Ästen haben sich glitzernde Eiskristalle festgesetzt und der gefrorene Harsch verursacht
bei jedem Schritt knirschende Geräusche. So oder ähnlich könnte man einen Winterwald,
der still in Eis und Schnee versunken ist, beschreiben.
Leider sind aber diese Winter auch in den tiefer gelegenen Landstrichen Ostbayerns oft nur
noch ein Wunschtraum. Die Realität sah in den vergangenen Jahren anders aus. Statt Schnee
fiel Regen und anstelle der klirrenden Kälte erwartete die Spaziergänger naßkalte
Witterung. Das "Sauwetter", wie man es ärgerlich auch nennt, kann dann selbst
den Abgehärtesten wenig anregen, sich an die frische Luft zu begeben. Wer Schnee sehen
wollte, der mußte meistens schon höher hinauf.
Hat der Winter dann für einige Tage endlich Eis und Schnee gebracht, ist dann die Zeit
nicht nur für den Wintersportler sondern auch für den Naturfreund gekommen. Er erlebt
den Winter ganz anders, nämlich mit den Augen eines Ästheten. Bei Spaziergängen
und Wanderungen eröffnen sich für ihn gänzlich andere Winterfreuden. Sie sind
dann überall in Wald und Flur in Hülle und Fülle zu finden.
Allein der große Zauberkünstler Raureif vermag Raritäten von einzigartiger
Schönheit zu schaffen. Hat er sich über Nacht an Gräsern und Zweigen festgesetzt,
verwandelt er alles in eine verzauberte Welt, die aussieht, als wäre sie mit Puderzucker
bestreut. Die filigranen Eiskristalle glitzern tausendfach im schräg einfallenden Licht
der Wintersonne. Wohin man in dieser Zeit den Blick wendet, überall sieht man, wie Eis
und Schnee Vertrautes dann verfremdet haben. Kleine Kunstwerke entstanden aus sonst Banalem
und finden plötzlich die Bewunderung der Wanderer.
Im frisch gefallenen Schnee entdeckt man zahlreiche Spuren, die davon zeugen, daß der
Wald auch im Winter lebt. Trotzdem ist eine große Ruhe eingekehrt. Nur noch selten trifft
man in den schneereichen Wochen Spaziergänger. Schwammerlfreunde und Beerensucher haben
ihre Ernte schon lange zu Hause. Es kann aber sein, daß der Aufmerksame immer noch reife
Preiselbeeren findet. Man nennt diese in der kalten Jahreszeit reifenden Beeren, auch Winterzecken.
Ebenso können noch einige einzelne, vom Frost konservierte Pilze am Wegesrand stehen.
Welch seltsames Bild ergeben doch diese mit Eis bedeckten Waldfrüchte. Auch Vogelbeeren
und Hagebutten sind mit Reif oder Schnee verziert. Die roten Farbtupfer wirken jetzt inmitten
der weißen Pracht farbiger als im Herbst.
Hat sich der Winter also mit ganzer Gewalt mit weißer Pracht eingestellt, sollte man
die Tage zu Spaziergängen in der Natur nützen. Unvergleichliche Winterbilder - gezaubert
aus Eis und Schnee - können der Lohn für die kleine Überwindung sein.
Text © Walter J.Pilsak