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Pilze, die Märchengestalten unseres Waldes

Viele bunte Schönheiten sind auch in unseren Wäldern bedroht


Pilze sind seltsame Wesen: Weder Pflanze noch Tier, einerseits wohlschmeckend, andererseits tödlich giftig - seit jeher haben Menschen ein eher gestörtes Verhältnis zu diesen "Waldbewohnern". Von vielen wegen ihrer Vielfalt und Schönheit bewundert, werden sie von anderen achtlos zertrampelt oder sinnlos zerstört. Die Angst, sich zu vergiften, war schon immer stärker als der Wunsch, die faszinierende Welt der Pilze kennenzulernen.

Pilze sammeln



Obwohl man etwa an die 200 Pilzarten essen kann, werden bei uns nur wenige Arten gesammelt. Meistens sind es Steinpilze, Pfifferlinge, Maronenröhrlinge, Birkenpilze und Rotkappen. Diese nennt man in unserer Mundart jedoch oft ganz anders. Die Namensgebung ist hier fast verwirrend. Im Volkstümlichen Sprachgebrauch hat jeder Pilz wegen seines Aussehens, seiner Beschaffenheit oder auf Grund seines Fundortes, je nach Landstrich eine andere Bezeichnung. Sogar in Nachbargemeinden kann der Name für ein und denselben Pilz verschieden sein. Die Röhrlinge und besonders den Steinpilz nennt man in der Oberpfalz und im Bayerischen Wald "Pilsterl", "Pülzl" oder "Pülzling". Eine Bezeichnung, die jenseits der Landesgrenze - drüben in Böhmen üblich war - ist das Wort "Dobernigl", das sich auch bei uns teilweise eingebürgert hat. Mit den Namen "Eierschwamm", "Dotterschwamm", "Recherl", "Reherl", "Rehgoaßl", "Marienschwammerl" oder "Gelbschwamm" ist jeweils der "Pfifferling " gemeint. Auch den "Birkenpilz" nennt man entweder "Graukapp'n", "Grauhedl", "Grasmandl" oder "Kapuziner". Wer sich unter "Braunhedl", "Bräundl", "Schafschwammerl", "Frauenschwamm" und "Blaupilz" nichts vorstellen kann, dem sei verraten, daß hier immer der "Maronenröhrling" gemeint ist. Als "Wegsoicher" oder "Rotzer" bezeichnet man nicht nur in der nördlichen Oberpfalz den "Butterpilz" und den "Goldröhrling". "Zigeuner", "Tannen"- oder "Schusterpilz" heißt der "Flockenstielige Hexenröhrling" und zum "Suillus variegatus" sagt man nicht die übliche deutsche Bezeichnung "Sandröhrling", sondern "Schoufmaul". Das Sammeln von Pilzen kam bei uns erst nach dem 1.Weltkrieg in größerem Maße auf. Zuerst war wohl der Nahrungsmangel in den Zeiten der Not die treibende Kraft. Gesammelt wurden vor allem Steinpilze, Pfifferlinge, Birkenschwämme, Morcheln und Maischwammerl. Sie wurden entweder für den Winter auf Vorrat getrocknet, oder man verwendete sie sofort. Vor allem Kinder und ältere Leute schickte man früher in den Wald, um Beeren und Pilze zu suchen. Fand man genügend, wurden sie auch verkauft. Daß Pilze in unseren Wäldern schon vor Jahrhunderten gesammelt wurden, um sie zu veräußern, geht aus einem alten Regensburger Dokument hervor. In einem Haushaltsbuch von 1633 steht ein Posten Trinkgeld verzeichnet: "zue vnterschiedlich malen für Rehling, Pfifferling...so man von Adelmanstein herreingetragen."

Das Reich der Pilze erstreckt sich von einzelligen Organismen über lose zusammengefügte Zellverbände bis zu verzweigten Systemen von Myzelsträngen und kompliziert aufgebauten Fruchtkörpern. Es gibt wohl keine Artengruppe, die uns derart fasziniert und auch gleichzeitig verwirrt. Bis heute ist erst die Hälfte der weltweit bekannten Pilze wissenschaftlich untersucht worden und jedes Jahr werden an die 1 000 Arten neu entdeckt. Zu diesen gehören die Pilze, aus denen Antibiotika hergestellt werden genauso, wie die Schimmelarten, welche wir auf alten und verdorbenen Lebensmitteln finden.
In Jahren mit warmen Frühherbst sind sie überall zu finden - Pilze in allen Formen und Farben, wie sie diese merkwürdige Pflanzengattung so phantasievoll hervorbringt. Man findet sie im grünen Gras, auf vermoderten Baumstümpfen oder auf brauner Nadelstreu. Die Zahl der bei uns vorkommenden Großpilze wird auf ca. 3 000 geschätzt. In unseren Breiten kommen etwa 500 Arten häufiger vor. Während an die 200 Pilzarten eßbar sind, gelten etwa 50 als giftig. Der große Rest ist ungenießbar.


Pilze nehmen eine eigenartige Sonderstellung zwischen Pflanze und Tier ein. Sie zählen zu den kryptogamen Gewächsen, den sogenannten Sporenpflanzen, welche nie Blüten entwickeln und sich auch nicht durch Samen vermehren. Ihre Verbreitungsorgane - die Sporen - sind wenige Tausendstelmillimeter große Gebilde, deren Verbreitung keine Grenzen gesetzt sind. Wenn diese auskeimen, dann entsteht nicht etwa gleich ein Pilz, sondern erst ein unterirdisch verzweigtes Geflecht aus dünnen Fäden, das an Spinnengewebe erinnert. Dieses Mycelium, auch "Myzel" genannt, ist die eigentliche ausdauernde Pilzpflanze und nicht etwa der oberirdisch erscheinende Fruchtkörper, der nur zu einer bestimmten Jahreszeit und bei günstigen Temperatur - und Feuchtigkeitsbedingungen innerhalb weniger Tage oder Stunden heranwächst.


Die Pilze ernähren sich auf verschiedene Weise. Die sogenannten Saprophyten (Fäulnisbewohner) verzehren zum Beispiel Fallaub, Nadelstreu oder Baumstümpfe und fördern dadurch deren Verwesung (Stockschwämmchen, Schwefelköpfe usw.). Die Parasiten wiederum begnügen sich nicht mit dem Verzehr toter Pflanzenreste. Sie greifen lebende Pflanzenteile an und können dadurch große Schäden an gesunden Bäumen anrichten (Hallimasch, Schwefelporling). Andere Pilze leben in einer Art Lebensgemeinschaft (Symbiose) mit Waldbäumen. Bei dieser sogenannten Mykorrhiza ist das Pilzmyzel mit den Wurzeln eines Baumes verbunden. Dabei erhält der Baum vom Pilz bestimmte Stoffe, die für ein gesundes Wachstum wichtig sind. Der Pilz wiederum erhält von seinem Baum, mit dem er zusammenlebt, Nährstoffe.


Wissenschaftler glauben festgestellt zu haben, daß diese "guten", zu Symbiose neigenden Pilzarten in den letzten zwei Jahrzehnten vielerorts von "schlechten" parasitären Pilzen verdrängt worden sind. Es wurde auch festgestellt, daß Bäume ohne "Pilzschutz" schädliche Umwelteinflüsse schlechter überstehen und so am sauren Regen sterben. Bei vielen Pilzarten ist ein Rückgang zu beobachten. Nach Ansicht von Fachleuten liegt die Bedrohung der Pilzwelt jedoch in erster Linie nicht so sehr bei den Sammlern, sondern in der Veränderung der Standortverhältnisse. Eingriffe in der Landwirtschaft, Veränderungen im Waldbau, die Erschließung unserer Wälder durch immer mehr Forststraßen und der Einsatz von Mineraldünger und Schädlingsbekämpfungsmitteln verändern das ökologische Gleichgewicht im Boden, so daß viele Pilzarten deshalb vom Aussterben bedroht sind.



Text und Fotos © Walter J.Pilsak

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