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Die Kleider unserer Laubbäume

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Eine kleine Blätterschau






Die Blätter unserer Laubbäume sind sehr ausdrucksstark. Sie beeindrucken durch die Vielfältigkeit ihrer Formen, manchmal aber auch durch ihre Größe. Wie elegant wirkt doch das spitz zulaufende Blatt der Pyramidenpappel. Im Herbst nimmt es eine gelbe Färbung an, so daß es dann noch attraktiver wirkt. Viele Bäume haben ein dekoratives Laub und dies nicht nur im Herbst. Da sind die Blätter des Berg- und Spitzahorns; sie sind schon im Sommer eine wahre Augenweide. In den Monaten September und Oktober aber sind sie mit ihrer Herbstfärbung ein wahrer Blickfang. Eine auffallende Form weisen auch die aus 5 bis 7 Teilblättern bestehenden Kastanienblätter auf. Ebenso sind die Blätter der Roteiche nicht nur wegen ihrer karakteristischen Form, sondern auch aufgrund ihrer roten Herbstfärbung ein farbenfroher Blickpunkt fürs Auge.

Aufgabe der Blätter


Das Blätterdach eines Laubbaumes spendet uns im Hochsommer einen angenehmen Schatten und viele Vogelarten finden darin ihre Nahrung in Form von Insekten, die wiederum dort ihren Lebensraum haben. Doch dies alles ist nicht Sinn und Zweck der Blätter. Ihre eigentliche Aufgabe ist es, Nahrung herzustellen. Dies geschieht in den grünen Chloroplasten in denen aus Wasser und Kohlendioxid mit Hilfe des Sonnenlichts Traubenzucker (Glukose) synthetisiert wird. Im Austausch dazu gibt das Blatt Wasserdampf und Sauerstoff an die Luft ab. Der größte Teil des Zuckers, den das Blatt produziert, wird in Stärke, Eiweiß und Öle umgewandelt, das dann den Samen, Früchten und Knospen zugute kommt. Es dient aber auch als Baustoff für Stamm und Äste.

Verpackungskünstler


Jedes Jahr, Ende April, Anfang Mai vollzieht sich in unseren Breiten eine unwahrscheinliche Explosion, wenn innerhalb weniger Tage an den Bäumen frische Blätter erscheinen. Beim Anblick dieses Wunders mag sich gar mancher fragen, was da überhaupt vor sich geht, wenn die Blätter austreiben! Doch so urplötzlich wie es scheint, läuft dieser Vorgang gar nicht ab. Schon im Herbst des Vorjahres entstehen in den Knospen die Blätter in ihrer vollständigen Form. Nur sind sie noch etwas kleiner - sozusagen in einem Miniformat. Außerdem sind sie dazu noch raffiniert gefaltet, damit sie in der kleinen Knospe überhaupt Platz haben. Bei vielen einheimischen Laubgehölzern ist es eine mehrfache Querfaltung. Bei den Ahornarten sind die Blätter fächerförmig im Zieharmonika-Prinzip verpackt und bei Rosen und Steinobst ist es eine einfache Faltung entlang des Hauptnerves. Eichen falten ihre Blätter in einem quer zusammengerollten Zustand. Auch an den Zapfstellen zur Wasserversorgung sind die kleinen Knospen schon angeschlossen.

Von Sonne und Licht gesteuert


Nach der Ruhepause des Winters im April oder Mai, wenn die Frühlingssäfte aufsteigen, schwellen die Knospen sichtbar an. Ihr Volumen steigt auf das Acht- bis Zehnfache an. Die Knospen der Rotbuche werden z.B. noch einmal so lang. Wenn dann die Außentemperaturen und auch die Tageslänge den Bäumen zusagt, ist es soweit. Die Blätter sprengen ihre schützende Knospenhülle und entfalten sich. Dies spielt sich innerhalb weniger Tage ab. Einige Blätter, besonders so große wie die der Kastanie, hängen zwar nach dem Austrieb noch etwas schlaff und lappig herab, doch diese anfängliche Haltungsschwäche ist bald verschwunden.

Im Herbst bekennt das Kleid jeden Baumes bzw. seine Blätter, Farbe. Die Grundfarbe kommt zum Vorschein. Zuvor entzieht der Baum seinen Blättern das Chlorophyll. Dieses herbstliche Verfärbung bereitet den Baum auf den Winter vor. Wie wir wissen, verdanken die Blätter ihre Farbe dem schon vorhin genannten Chlorophyll. Mit Hilfe dieses Stoffes sind die Pflanzen in der Lage, unter Einwirkung des Sonnenlichts die aus dem Erdreich aufgenommenen Nährstoffe in Eiweiß, Stärke, Zucker und Fette umzuwandeln. Diese Produkte werden im Stamm und in den Blättern gespeichert. Wenn nun im Winter der Boden gefriert, würden die Bäume mit ihren Blättern aus Wassermangel verdursten. Er ist deshalb gezwungen, sich seiner Blätter zu entledigen. Dies geschieht aber nicht im grünen Zustand - da der Baum damit auch den größten Teil seiner Nährstoffe verlieren würde. Der Baum bildet deshalb die Nährstoffe wieder in lösliche Formen um und führt sie so dem Stamm oder den Wurzeln zu. Da aber das Blatteiweiß mit dem Chlorophyll (Blattgrün) eng verbunden ist, verschwindet mit den Nährstoffen auch die grüne Farbe. Es kommen nur die gelben und orangenen Farbstoffe (Xanthophylle und Carotine) - die zwar ursprünglich vorhanden waren, aber von dem Blattgrün überdeckt wurden - zum Vorschein. So entstehen die bunten Farben des Herbstes. Sind nun sämtliche Nährstoffe aus dem Blatt abtransportiert, wird die Leitungsbahn verschlossen. Das Blatt wird braun und ist abgestorben. Beim ersten Nachtfrost oder stärkerem Wind, fällt es nun zu Boden.

Blätter als Heilpflanzen


Im Frühling ist das lichte Grün der frisch ausgetriebenen Birkenblätter eine Wohltat für unser Auge. Sie symbolisieren geradezu den Monat Mai in Verbindung mit Fruchtbarkeit und Leben. Von diesem Baum verwendete man deshalb früher nicht nur den Birkensaft als Mittel gegen Haarprobleme - auch Auszüge aus Birkenblättern sollten die gleiche Wirkung zeigen. Birkenblätter wurden schon immer als Heilmittel verwendet. Im 17.Jahrhundert entdeckte der italienische Arzt Matthioli, daß Birkenblätter gegen Nieren- und Blasenleiden halfen. Er nannte diesen Baum deshalb "europäischer Nierenbaum". Noch heute verwendet man Birkenblätter - Auszüge zur Entwässerung sowie bei Nieren- und Blasenleiden. Hironymus riet 1610, daß die Birke vornehmlich zur Wundbehandlung benutz werden solle. Dazu mußten die jungen und zarten Blätter gehackt, gestoßen und gebrannt bzw. destilliert werden. Zur Anwendung meinte Hironymus: "Birkenlaub Wasser ist gut, getruncken morgens und Abends, jedes mal auff vier Loth, für den Grüen in den Lenden, löschet alle hitzigen Schäden der Ruthen deß Gemächts, tücher darin genetzt, darüber gelegt und täglich zwey oder drey mal wiederholt."

Birkenlaub soll in der abergläubischen Volksmedizin auch das sogen. Nestelknüpfen neutralisieren. Dies war eine Methode, mit der die Hexen den Beischlaf der Eheleute unmöglich machten. Wer das kalte Fieber hatte, mußte auf die Blätter der Birke urinieren. Wenn diese danach verdorrten, war der Kranke geheilt. Und bei zurückgetretenen Fußschweiß, infolge von Erkältungen, mußte man über Nacht die Füße in einen Sack mit Birkenblättern stecken, um so den Fußschweiß zurückzulocken.

Gegengift bei Schlangenbissen


Die Blätter der Esche galten Jahrhunderte hindurch als Gegengift bei Schlangenbissen. Schon Plinus schrieb: "Dieser Baum sei Schlangen gar zuwider. Wenn man eine Schlange mit Eschenlaub und Feuer umbringen will, läuft sie eher ins Feuer als ins Eschenlaub. Unseren einheimischen Schlangen soll jedoch dieser Respekt vor den Eschenblättern fehlen! Trotzdem legte man früher auch bei uns um Wohnung und Stallungen, Eschenlaub aus, um so Schlangen abzuhalten. Hatte eine Schlange einmal zugebissen, legte man zerstampfte Blätter auf die Wunde. Als innerliche Medizin trank man zusätzlich ein Glas Wein, in den man einige Tropfen von ausgepreßten Eschenblättern gab. Auch Tees gegen Rheuma und Verstopfung stellte man aus den Blättern der Esche her. In wiesenarmen Gegenden, wie etwa dem Pustertal in Südtirol, wird das Laub der Esche noch heute als Winterfutter für Ziegen und Schafe benötigt. Diese Art der Fütterung soll sehr alt sein, den bereits die Ziege Fleidrun soll nach der germanischen Mythologie am Weltenbaum - der Weltesche Yggdrasil - geweidet haben.

Rekordverdächtige Daten


Blätter liefern uns übrigens einige rekordverdächtige Daten. Wußten Sie, daß Blätter meistens Schalenkonstruktionen sind und somit die stabilsten auch in der Architektur sind? Auch das Adernetz der Blätter nahm der Mensch schon als Vorbild. Dieses folgt nämlich strengen Gesetzen und ist somit für Straßenplaner Vorbild für ein optimales Wegesystem. Eine andere geniale Erfindung der Blätter, die schon 3 Milliarden Jahre alt ist, ist die Photosynthese. Unsere Techniker bauen mittlerweile Solarzellen nach diesem Vorbild in der Natur. Bäume bzw. Blätter produzieren im Gegensatz zu uns, auch ohne Müll. Man braucht nur an den Sauerstoff zu denken!

Blätter als Spielzeug


Blätter können, ebenso wie Gräser, Samen, Früchte und Rinde, für Kinder ein phantastisches als auch lehrreiches Spielzeug sein. Während Kinder, die auf dem Land aufwachsen, in ihrer Umgebung sich wohl von alleine mit Naturspielzeug befassen, muß für Stadtkinder eine Verbindung zu Naturmateralien erst geschaffen werden. Vermutlich waren Materalien aus der Natur das erste Spielzeug überhaupt. Denkt man an Blätter, so läßt sich mit etwas Phantasie allerhand daraus herstellen. Eine Blätterkrone oder ein Blätterkranz läßt sich z.B. aus glattrandigen Laubblättern mit kleinen Ästchen oder Föhrennadeln zusammenstecken. Aus einem großen Ahornblatt mit Stiel läßt sich ohne jegliche Zusatzmateralien ein Mini-Körbchen zusammenstecken. Auch einen Becher kann man daraus basteln. Neben dem eben erwähnten Spielzeug beschreibt S.Stöcklin-Meier in ihrem Büchlein "Natur-Spielzeug" auch, wie man aus einem Kastanienblatt eine altmodische Stielbrille herstellen kann. Man nimmt dazu ein Kastanienblatt mit Stiel und trennt alle Teilblätter, bis auf ein rechtwinkelig zum Steil stehendes, ab. Nun zieht man vorsichtig zwischen zwei gleichlaufenden Blattnerven die Blattfläche heraus, wobei jede zweite Blattfläche stehen gelassen wird. Die ganze Bastelei ist allerdings eine Geschicklichkeitsübung für die Finger.



Text © Walter J.Pilsak

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