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Bäume und Menschen (2)

Bäume in Mythologie, Glauben und Brauchtum


In vielen Kulturen hat der Baum ein hohes Ansehen. Er findet auf der ganzen Erde eine weitverbreitete Verehrung. Die alten Japaner sagten: "Bäume sind zu Gott die Stufen". Bei vielen Völkern war der "Weltenbaum" die eigentliche Achse des Kosmos. Mit seinen Wurzeln, dem Stamm und der Krone umspannte er Unterwelt Erde und Himmel. In altjapanischen Sagen war der "Weltenbaum" eine riesenhafte Kastanie und in China war es der Kienbaum, in dem die Götter auf- und niederstiegen. In Tibet war der "Weltenbaum" die Königsweide, und in der germanischen Göttersage über die Entstehung der Welt war es die Weltesche Yggdrasil. In der altindischen Upanischad heißt es: "Den Baume gleich, dem Fürsten des Waldes, gewiß, ihm gehorcht der Mensch". In vielen Kulturen hatte man vom Baum auch die Vorstellung eines Wohnplatzes der Geister oder man empfand den Menschen den Bäumen wesensgleich.


Im Alten Testament hat Gott im Garten Eden den "Baum des Lebens" und der "Erkenntnis", sowie den "Baum des Guten" und des "Bösen" gepflanzt. Als Eva von dem Baum die verbotenen Früchte aß, wurde sie und Adam aus dem Paradies vertrieben. In der Offenbarung des Johannes wächst der "Lebensbaum" erst wieder nach dem Weltenzusammenbruch im neuen Paradies. Dieses, in der christlichen Tradition düstere Geschehen, wird in vielen alten Darstellungen aber eher als ein Überwinden der Dunkelheit dargestellt. Und Hegel bezeichnet den Griff nach den verbotenen Früchten als Beginn der Geschichte des Geistes. Auch der "Philosophische Baum", der von den Alchemisten der frühen Neuzeit geschaffen wurde, stellt in vielen alten alchemistischen Schriften das Wachstum und die Verwandlung der Materie in das Geistige dar.

Vom Stammbaum bis zum Christbaum


Im Wappen vieler Adels- und Bauerngeschlechter und freien Städten fand der Baum Eingang. Auch die Aufzeichnung einer Familienchronik im "Stammbaum" ist üblich. Bäume werden in vielen Liedern besungen. Es gibt noch heute Gastwirtschaften mit den einladenden Namen: "Zur Linde"; "Zu den drei Kastanien" oder "Zum grünen Baume". Im Brauchtum haben wir noch heute den "Maibaum", der auch den kulturgeschichtlichen Motiven des "Lebensbaumes" entspringt. Heute gilt er allgemein als Symbol des schaffenden Volkes. Zu Fronleichnam haben wir die mit jungen Birken geschmückten Straßen und zu Weihnachten den "Christbaum", der im Lichterglanz die innige und herzliche Verbundenheit der Menschen zum Baum verdeutlicht. Auch in unserer Umgangssprache hat der Baum Einzug gehalten. Wir reden zum Beispiel von einem "baumlangen Kerl" von "verwurzelten" oder "entwurzelten" Personen oder von "abstammen" und "aufbäumen".

Schwere Strafen für Baumfrevler


Bäume, insbesondere Eichen, waren nicht nur den Germanen heilig. Im Mittelalter gab es drakonische Strafen für Baumfrevler. Dieses Strafmaß reichte von Pfennigbeträgen bis zum Gefängnis, zum Auspeitschen, zum Verlust einzelner Glieder oder sogar zur Verurteilung zum Tode. Vor 1000 Jahren galt sogar das Recht: "Wer einen Baum köpft, soll derselbige wiederum geköpfet werden"! Nach einem Erlaß vom 2.Juli 1808 wurden Baumverderber folgendermaßen bestraft: Wer ohne böse Absicht, nur aus Leichtsinnigkeit einen Baum beschädigt, so daß er einging, der mußte bis zu acht Ersatzbäume pflanzen - oder er wurde bis zu 14 Tagen eingesperrt. Bis zu einer halbjährigen Festungshaft wurde derjenige bestraft, der aus Mutwillen einen Baum ruinierte. Hatte ein solcher Täter sich sogar an mehreren Bäumen vergangen, so erhielt er bis zu einem Jahr Festungshaft. Zuvor wurde er jedoch noch auf dem Wochenmarkt eine Stunde lang als Baumschänder zur Schau gestellt. Kinder bis zu 14 Jahren waren vom Schulmeister im Beisein der ganzen Schule mit der Rute zu züchtigen.


Text und Fotos © Walter J.Pilsak

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