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Naturwaldreservate - die Urwälder von morgen


In Bayern sind 150 Einzelflächen ausgewiesen





Wenn jemand etwas von Urwäldern in Deutschland hört, dann denkt er zunächst an den Nationalpark Bayerischer Wald, im Osten Bayerns. Im größten zusammenhängenden Waldgebiet Europas wurde dort vor 27 Jahren der erste deutsche Nationalpark gegründet. Seit dieser Zeit wächst dort ein von Menschenhand unbeeinflußter Urwald heran, in dem die Nutzung von Holz, Wasser und Gestein strikt verboten ist.

Was aber nur wenige wissen: In Bayern gibt es außer diesem heranwachsenden Urwald noch 150 Einzelflächen von Naturwaldreservaten, die über das ganze Land verteilt sind. Man findet sie in allen bayerischen Landschaften. Im Hochgebirge genauso wie im Hügelland südlich der Donau, im Steigerwald, Spessart, Fichtelgebirge, Frankenwald, Oberpfälzer Wald und Bayerischen Wald. In diesen unterbleibt jegliche forstliche Nutzung. Es sind die Urwälder von morgen. Nach Angaben des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten beträgt die Gesamtfläche von Naturwaldreservaten in Bayern 5.337 Hektar.

Eine Idee wird verwirklicht

Zur Jahrhundertwende wurde der Gedanke vom Schutz naturnaher Waldgebiete zum ersten mal formuliert. Es war unter anderem Geheimrat Dr.Rebel, der im Jahr 1928 in einer vielbeachteten Rede auf die Bedeutung unterschiedlicher Waldreservate hinwies. Als geistiger Vater der Naturwaldreservate gilt jedoch Hesmer. Für ihn sollten solche Flächen als Anschauungsobjekte für die Forstwissenschaft dienen, mit dem Ziel, Kenntnisse über den ursprünglichen Aufbau von Naturwäldern zu vertiefen und im Waldbau anzuwenden. Es dauerte aber noch bis 1970, bis der Gedanke der Naturwaldreservate politisch endgültig ausformuliert wurde. Jetzt begannen die Forstverwaltungen der alten Bundesländer diese Idee planmäßig zu verwirklichen. Es wurden geeignete Waldflächen ausgewählt. Seit 1982 ist mit der Novelle zum Waldgesetz für Bayern der Status der Naturwaldreservate auch gesetzlich verankert.

Zu den ältesten Naturwäldern in Bayern zählt das "Höllbachgspreng" am Osthang des Großen Falkensteins im Bayerischen Wald. Bereits 1914 wurde es als "Schongebiet" aus der forstlichen Nutzung genommen. Auch der Ludwigshain bei Kehlheim steht seit dieser Zeit unter Schutz. Kleinstes Schutzgebiet ist die Insel Sassau im Walchensee mit 2,9 ha und das größte die Reiteralpe mit 390 Hektar. Im Durchschnitt hat jedes Reservat eine Fläche von 34 Hektar.

Die meisten der 150 bayerischen Naturwaldreservate sind irgendwo versteckt in große Staatswaldflächen eingebunden. Dabei ist der Laubholzanteil gegenüber von Nadelbäumen vorherrschend. Fast ein Drittel aller Reservate besteht aus Buchen- und Buchenmischwälder. Die am zweithäufigsten vertretene Waldform ist der Bergmischwald. An die 20 Reservate gibt es hiervon. Der Rest der Naturwaldreservate setzt sich zusammen aus Fichtenhochlagenwälder (625 ha), Moore und Moorwälder (652 ha), Eichenmischwälder (505 ha), Edellaubbaumreiche Mischwälder (371 ha) sowie Au- und Bruchwälder und Kiefernwälder zu je etwa 300 ha.

Vom Wirtschaftswald zum Urwald

Nach Angaben von Forstleuten ist es faszinierend zu beobachten, wie sich aus den Wirtschaftswäldern langsam kleine Urwälder entwickeln, auch wenn dieser Übergang nur langsam vorangeht. Hier entscheidet nicht der Forstmann was weiter wachsen darf, sondern die natürliche Auslese. Für die nachwachsenden Pflanzen ist allein der Konkurenzkampf der natürlich ausfallenden Samen entscheidend. Auch hat hier Forschung und Beobachtung den gleichen Wert wie im Nationalpark Bayerischer Wald - nur daß es eben in wesentlich kleineren Maßen vor sich geht.

Der Wert und die Bedeutung der Naturwaldreservate wird letztendlich davon abhängen, ob es auch gelingt, sie auf Dauer vor forstlicher Nutzung aber auch vor zu großen Besuchermassen zu schützen. Ob man dann allerdings schon in 40 oder 50 Jahren diese Reservate auch so beschreiben kann, wie es der Forstmeister Beringer in den 30er Jahren dieses Jahrhunderts mit dem Urwald am 1360 Meter hohen Kubany in Böhmen machte, ist fraglich! Dieser beschrieb den einzigen echten Urwald Mitteleuropas folgendermaßen: "Das erste was uns auffiel beim Vergleich mit den Kulturwäldern, war die Weiträumigkeit, die durch die Höhe der Stämme noch gesteigert wurde. In weitem Abstand standen Fichten und Tannen von fünfzig, ja sechzig Metern Höhe, deren Umfang, einen halben Meter über dem Boden noch sechs bis acht Meter maß. Auf gestürzten Stämmen standen Reihen junger Fichten, die ihre Nahrung aus den toten saugten."

Text © Walter J.Pilsak

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