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Vom Zauber des Waldes


Unsere Sinne sind bei Waldspaziergängen gefordert



Fast jeder Deutsche ist vom Zauber des Waldes begeistert. Und auch unsere Dichter haben den Wald mit viel Gefühl und Tiefsinn beschrieben. Singen doch heute noch unzählige Gesangvereine und Chorgemeinschaften Josef von Eichendorff's Zeilen: "O Täler weit, o Höhen, o schöner grüner Wald, du meiner Lust und Wehen andächtiger Aufenthalt!" Unser Wald ist auch ein Ort der Märchen und Sagen. Unsere Altvorderen und auch die Kinder sahen ihn als eine Welt der Naturwesen, Kobolde und Waldgeister. Und auch unser erster Bundespräsident Theodor Heuss meinte: "Holz ist ein einsilbiges Wort, aber dahinter verbirgt sich eine Welt der Märchen und Wunder."

Der Wald spricht alle Sinne an

In der Regel sehen wir nur mit den Augen, da der Mensch ein "Augentier" ist. Alle die anderen Informationen, die wir mit Ohren, Nase, Mund und dem Tastsinn wahrnehmen, spielen nur eine untergeordnete Rolle. Wenn wir bewußt auch diese Sinne einsetzen, werden wir den Wald auf eine ganz andere, vielfältigere Weise kennen lernen. Denn jeder Waldkenner weiß es: Der Wald spricht alle unsere Sinne gleichzeitig und in vollkommen harmonischer Weise an. Bei Waldspaziergängen erlebt also jeder sein ganz persönliches Naturerlebnis. Hermann Löns meinte einmal: "Laß deine Augen offen sein, geschlossen deinen Mund und wandle still, so werden dir geheime Dinge kund". Dieses Zitat sollte vorallem der Wanderer beherzigen, der durch unsere weiten Wälder streift.

Walderlebnis für jedermann!

Bayern wird größtenteils vom Wald geprägt. Wir haben hier auch das Glück, daß jeder Zutritt in den Wald hat. Selbst der Privatwald, der in Bayern über 50 Prozent ausmacht, ist für den Spaziergänger offen. Dies ist nicht in jedem EU-Land so selbstverständlich und auch in den USA ist das Betreten des Privatwaldes verboten.
Glücklich derjenige, der im Wald Erholung und Entspannung findet. Der Wald mitsamt seiner Lebewelt gibt uns zusätzlich auch noch Naturerlebnis. Hier sind wir von einer Geißel unserer Zeit, dem Lärm, verschont. Die als Hindernisse wirkenden Blätter, Nadeln und Zweige der Bäume und Sträucher zerstreuen und dämpfen die störenden Schallwellen.


Ein fremdes Land lernt man erst dann kennen, wenn man es öfters besucht hat, seine Sprache halbwegs versteht und seine Bewohner und ihre Gewohnheiten und Kultur näher kennt. Genauso ist es mit dem Wald. Man kann ihn als Spaziergänger zwar auch oberflächlich genießen, doch zum Waldkenner wird man erst durch Wissen. Und auch nur er kann den Wald mit all seinen Sinnen erforschen.

Märchen- oder Geisterwald!

Unseren Augen bietet der Wald eine Fülle von Eindrücken. Manchmal verändern sich diese innerhalb einer kurzen Zeitspanne. So ist der Schritt vom Geisterwald zum Märchenwald nur ein ganz kleiner. Wer ist nicht schon einmal bei Novembernebel durch einen Kiefern- oder Fichtenwald gegangen? Gespenstisch erscheinen uns die nur schwachen Umrisse der Bäume und Wurzelstöcke. Vorallem bei Dämmerung mag da so manch ängstlicher Natur nicht ganz geheuer sein, oder es läuft ihm ein kalter Schauer über den Rücken, wenn er an zwielichtige Gestalten oder gar an Geister und Gespenster denkt. Doch wenn sich die Nebel auflösen, kann sich innerhalb weniger Augenblicke dieses Bild ändern. Denn, brechen die ersten Strahlen der tief stehenden Son-ne durch die Baumwipfel, bietet sich uns ein malerisches, fast zauberhaftes Bild. Der Nebel macht die schräg einfallenden Sonnenstrahlen sichtbar und verwandelt den eben noch existenten düsteren Geisterwald in einen zauberhaften Märchenwald.


Ganz gegensätzlich sind auch die Eindrücke, wenn wir das geheimnisvolle Dunkel einer Fichtenschonung und das helle Grün eines Buchenwäldchens auf uns einwirken lassen. Aufmunternd wirkt die Farborgie des Herbstes, wenn der Laubwald von goldgelb bis rot in Flammen steht. Die tausend Lichtreflexe auf dem bunten Herbstlaub lassen selbst die trübsinnigste Natur aufleben. Und auch der Anblick eines Winterwaldes inmitten tausendfach glänzenden Schnee- und Eiskristallen läßt jedem das Herz höher schlagen.
Der Winter ist es auch, der uns viele Spuren zeigt. Bei Neuschnee zeichnen sich die unterschiedlichsten Spuren und Fußabdrücke darauf ab. Mit etwas Kenntnis läßt sich daraus schließen, zu welcher Tierart die Fährten gehö-ren. Aber auch andere Hinterlassenschaften, wie verlassene Nester, Vogeleier, abgenagte Fichtenzapfen und Federn sagen dem, der bewußt sehen kann, welches Tier hier am Werk war!

Wenn der Wald singt!

"Und ewig singen die Wälder" - heißt ein alter Heimatfilm aus den fünfziger Jahren. Dieser Titel mag vielen als etwas zu kitschig vorkommen! Doch der Wald singt tatsächlich auf verschiedene Art und Weise. Man muß ihn nur hören und verstehen. Im Frühling ist es vorallem der Gesang unserer Singvögel. Nicht so sehr im Nadelwald - aber im Misch- oder reinem Laubwald intonieren unsere gefiederten Sänger in der Balz- und Brütezeit ein Konzert, das einzigartig ist. Besonders während der Morgen- und Abendstunden ertönt es in einem unvergleichbaren Fortissimo.


Doch auch im Hochsommer, wenn die meisten Vogelstimmen verstummt sind, singt der Wald noch. Es sind dann die Stimmen der vielen ande-ren Tierarten sowie das immerwährende Summen der Insekten, die jetzt den Ton angeben. Wenn wir in den Wald hineinhorchen, hören wir noch viel mehr Geräusche und Stimmen, mit denen sich dieser äußert. Regen im Laubwald - ein leichter Wind, der in den Baumwipfeln ein andauerndes Rauschen erzeugt oder gar Herbststürme sind der Ursprung. Auch im Winter, wenn es scheint, als hätte sich der Wald zur Ruhe begeben, gibt er Töne von sich. Er ächzt, wenn die Bäume unter der schweren Schneelast zu tragen haben und er schreit laut auf, bzw. das Holz der Stämme und Äste kracht, wenn starker Frost auftritt.

Den Wald beschnüffeln und erschmecken

Neben den Augen und Ohren ist auch unsere Nase, bzw. der Geruchsinn bei Waldspaziergängen gefordert. Tausenderlei von Düften strömen uns entgegen. Am markantesten ist wohl der harzige Duft von geschlagenem Holz oder der von feuchter oder nasser Walderde. Lebkuchenartig süß riecht das modernde Holz toter Baumveteranen. Im Frühjahr ist der starke Duft von Blüten des Schwarzen Holunders und der Eberesche unverkennbar. Auch die Blüten verschiedener anderer Baum- und Straucharten sind vertreten. Im Herbst zur Pilzzeit entströmt gar mancher Pilzart ein starker Geruch. Maggipilz (Bruchreizker) und Stinkmorchel sind wohl die führenden in dieser Hinsicht. Diese riecht man schon in einigen Metern Entfernung.


Weniger aufgrund ihres Geruches, sondern ihres Geschmackes bieten sich uns die Waldbeeren an. Hier ist neben dem Geruchsinn auch der Geschmacksinn gefordert. Heidelbeeren, Preiselbeeren, Moosbeeren, Holunderbeeren, Vogelbeeren, Haselnüsse und die vielen eßbaren Pilzarten bieten sich regelrecht an, unseren Geschmacksinn mit Waldesfrüchten zu verwöhnen.

Rauhe Rinde und weiches Moos

Schließlich ist als letzter Sinn noch der Tastsinn gefragt. Die rauhe Haut unserer Bäume, die Rinde, läßt sich sehr schön ertasten. Wie lebendig fühlt sie sich doch an. Ebenso wie die kantigen Ecken der Fichten- und Kiefernzapfen oder die samtige Oberfläche der Blätter. Stachelig dagegen die Fichten- und Kiefernnadeln. Wie weich ist doch der Waldboden! Auf dem herrlich weiche Moos, sitzt man wie in einem bequemen Polsterstuhl.

Text © Walter J.Pilsak

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