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Klagelied der alten Patriarchen

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Der leise Tod unserer Baumveteranen



Alte und mächtige Bäume haben uns seit jeher beeindruckt. Unseren Vorfahren waren sie heilig
und nicht selten waren sie Sitz der Götter. In jeder Kultur hat man Erfurcht vor alten Baumveteranen. Und auch wir verspüren etwas von der Mystik und dem Geheimnisvollen, das die alten Bäume in sich tragen, wenn wir vor ihnen stehen. Die Jahrhunderte sind nicht spurlos an den Baumrecken vorüber gegangen. Alle haben sie vernarbte Gesichter und abgebrochene Äste deren Wunden schon lange wieder verheilt sind. Nicht selten sind Stämme und Äste bemoost. Liebespaare, die schon lange nicht mehr auf dieser Welt verweilen, haben ihre eingeschnitzten Initialen im Stamm hinterlassen. Gar manche Unwetter überstanden sie schadlos. Kriege begannen und endeten wieder. Die einzigen, die alles überstanden, waren die alten Baumriesen, die heute 300, 500 oder gar 1000 Jahre alt sind.


Das Foto links zeigt die berühmte Bavaria-Linde bei Pondorf


Sie werden von uns gehegt und gepflegt. Sind sie innen morsch und faul, unterzieht man sie einer Spezialbehandlung. Sie werden mit Metallstreben und Ringen stabilisiert. In vielen Fällen nützt diese Behandlung den alten Bäumen und sie leben oft noch jahrzehnte lang. Von manchen alten Bäumen weis man, dass sie schon vor Jahrhunderten dem Tod nah waren, aber heute immer noch leben, auch wenn alles, was von ihrem Stamm übrig ist, nur noch aus Rinde besteht. So etwa die "Kasberger Linde" in Franken, die auch nur noch auf ihrer Rinde steht, aber immer noch voll ergrünt. Schon im 13.Jahrhundert befürchtete man das Absterben dieses Baumes.

Und auch einer der berühmtesten Bäume Deutschlands, die "Wolframslinde" in Ried bei Kötzting im Bayerischen Wald besteht praktisch nur noch aus einer äußeren Umhüllung und aus Ästen. Er ergrünt aber immer noch jedes Frühjahr aufs neue. Auch der bekannteste Baum Deutschlands, die malerisch anzusehende "Bavaria Buche" bei Pondorf ist krank. Wegen der Gefahr von herabfallenden Ästen wurde der Baum vorsorglich schon eingezäunt.

St.Georgs-Eiche bei Marterberg

Die Schöpfung hat allem biologischen Leben eine Grenze gesetzt und so werden auch die alten Baumveteranen immer rarer. Sie werden immer kränker und unsicherer auf den Beinen! Gewiss, manche hätten vielleicht noch Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte leben können - doch uns Menschen, besonders denen, die dafür bezahlt werden, dass Verordnungen und Gesetze eingehalten werden, sind morsche und kranke Bäume ein Unsicherheitsfaktor. So werden sie aus Sicherheitsgründen gefällt.

Dieses Schicksal ereignete auch die 300 Jahre alte "Riesenbuche" bei Neualbenreuth im Landkreis Tirschenreuth. Im Jahr 2000 musste sie gefällt werden. Da er aber für Holzfäller zu stark und zu kräftig war, um auf normalen Wege gefällt zu werden, mussten Spezialisten her, die ihn mit Hilfe technischer Geräte den endgültigen Todesstoß versetzen konnten. Was 300 Jahre brauchte, um so stark und majestätisch zu werden, wurde innerhalb weniger Stunden zu banalem Brennholz!

Text und Fotos © Walter J.Pilsak

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