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Ein Sterben in Schönheit

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Die Farbsymphonie des Herbstes




"Der Strom trug das ins Wasser gestreute Laub der Bäume fort. Ich dachte an alte Leute, die auswandern ohne ein Klagewort." So Still, wie es Ringelnatz in diesen zwei Zeilen beschreibt, schleicht sich der Sommer fort. Über Nacht herbstelt es. Der erste Raureif am Morgen - das erste gelbe Blatt - ein kühler, frischer Wind - all das sind erste Anzeichen für einen Wechsel der Jahreszeiten.

Abschied vom Sommer


Die Monate September und Oktober bringen uns den Spätsommer bzw. Frühherbst. Für die meisten von uns bedeutet dies soviel wie der Abschied von den schönen, warmen Tagen. Insofern ist auch für die meisten Menschen die Zeit zuende, in der man sich draußen in der Natur beschäftigen kann, da schon allein das Wetter hier meist Grenzen setzt. Mag vielleicht unser seelisches Wohlbefinden und auch das Freizeitverhalten unter den herbstlichen Wetterbedingungen manchmal etwas leiden. Unser Schönheitssinn jedoch lebt im Herbst erst auf, angesichts der Farbsymphonie, die uns draußen mit einem wahren Fortissimo an Farbklängen überschüttet.


Die umfangreiche Farbpalette der Natur


Diese vielen Farben sind es, warum man den 10.Monat des Jahres auch als Goldenen Oktober bezeichnet! Was bietet uns die Natur an diesen Tagen doch für eine umfangreiche Farbpalette. Weiße Margeriten strahlen im ersten Reif. Zahlreiche farbenprächtige Pilzarten erscheinen über Nacht in majestätischer Schönheit. Rote und blaue Beeren leuchten an den Sträuchern und Hecken. Die Gräser und Farne verfärben sich schon herbstlich und als Höhepunkt das leuchtend bunte Herbstlaub das in allen Farbvarianten aufleuchtet. Die Farbtöne reichen vom Gelb der Birken und dem Ocker der Lärchen über das Gold der Buchen und Kastanien bis zu dem Karminrot der Ahornbäume und den lebhaften Rottönen der Ebereschen. Auch der ins Violette reichende Ton der Eichen ergibt im Zusammenspiel mit dem unveränderlichen Grün der Fichten und Kiefern, reizvolle Farbenspiele.

Das Jahr neigt sich dem Ende zu


Wenn die Tagestemperaturen kaum mehr über 100 Celsius ansteigen und die Nächte schon empfindlich kühl sind - der Himmel oft wolkenverhangen ist und ein frischer Wind uns gar manches mal schon frösteln läßt, dann ist bei uns die triste, melancholische Zeit des Herbstes angebrochen. Diese unverkennbaren Anzeichen sagen uns, daß sich das Naturjahr der großen Ruhe zuneigt. Es herrscht draußen in der Natur eine Stimmung von Abschied und Verfall. Trotzdem zeigt sie sich noch einmal von ihrer stärksten Seite, indem sie noch einmal kräftig in den Farbtopf langt und ihr farbenprächtigstes Kleid anlegt. Sie führt uns ein faszinierendes Schauspiel vor, das jeden in seinen Bann zieht. Kein Maler könnte eine farbenprächtigere Komposition schaffen.

Die Bäume schützen sich selbst


Warum verfärbt sich nun das Laub im Herbst in alle diese bunten Farben und was spielt sich da
überhaupt ab? Einziger Grund des Blattabwerfens ist Selbstschutz. Geschähe dies nicht, würden die Bäume im Winter bei Frost zugrunde gehen. Das gefrierende Zellwasser würde die Bäume bis ins Mark hinein zerstören. Außerdem würde durch die Blätter im Winter bei sonnigem klaren Wetter zuviel Wasser verdunsten. Bei gefrorenem Boden bekämen sie aber keinen Nachschub. Die Bäume würden regelrecht verdursten.
Folgendes geht bei dem Vorgang des Blattabwerfens vor sich: Wie wir wissen, ist ein Baum in der Lage, unter Einwirkung des Sonnenlichts, die aus dem Erdreich aufgenommenen Nährstoffe in Zucker, Stärke, Eiweiß und Fette umzuwandeln. Diese sammelt der Baum dann im Stamm und den Blättern. Werden im Herbst die Tage kürzer, wobei sich ja auch die Lichteinwirkung verkürzt, bildet er die Nährstoffe wieder in lösliche Formen um und führt sie so dem Stamm und den Wurzeln wieder zurück. Durch diesen Rückzug des stickstoffhaltigen Chlorophylls, das für das Blattgrün verantwortlich ist, treten dann die roten und gelben Farbstoffe hervor. Dies sind die Carotinoide und Anthocyane. Sie sind für das bunte Herbstlaub verantwortlich. Während dieser Umwandlung entwickeln sich an der Basis des Blattstiels, Korkzellen. Durch diese zweite Schicht wird das Blatt vom Zweig getrennt, so daß es mit ihm nur noch lose verbunden ist. Während der ersten Herbststürme und Nachtfröste fallen die Blätter dann zu Boden. Hier bekommt es dann seine bekannte braune Farbe, die ziemlich gleichmäßig über alle Baumarten verteilt ist.



Text und Fotos © Walter J.Pilsak

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