Ein Urwald wächst heran
Der Nationalpark Bayerischer Wald
Dem Deutschen sagt man nach, daß er die Sehnsucht nach dem Wald in sich trägt. Er
liebt den Wald, und glaubt, wenn er durch die Forstplantagen unserer Zeit wandert, daß
dieser Wald eine ursprüngliche Natur sei. Doch dem ist bei weitem nicht so! Ursprüngliche
und unberührte Wälder oder gar Urwälder sind bei uns in Mitteleuropa zu einer
Rarität geworden, so daß sich der Normalbürger unter einem Urwald nichts rechtes
vorstellen kann!
Wer bei uns in Deutschland Wälder sehen will, die noch etwas von einem Urwald erahnen
lassen, der sollte den Bayerischen Wald durchwandern. Dort findet der Besucher Wälder,
die da und dort noch Merkmale aufweisen, die Urwälder mitteleuropäischen Typs charakterisieren.
Am 1312 Meter hohen Falkenstein sehen wir am "Höllbachspreng" eine Natur, die
uns einen Urwald erahnen läßt. Auch der Hans-Watzlik-Hain beim Zwieseler Waldhaus
erinnert uns mit seinen Baumriesen und der urwüchsigen Mischwaldpartie an einen urwaldähnlichen
Wald. Erwähnt muß auch der Urwaldlehrpfad am Rachelsee werden, wo der Besucher mehrhundertjährige
Tannen bestaunen kann. Auf einem Gebiet von Hundert Hektar wurde seit Anfang des Jahrhunderts
kein Baum mehr gefällt. Weitsichtige Forstleute haben schon vor dem Zweiten Weltkrieg
den Schutz dieses Waldgebietes durchgesetzt.
Um auch in Deutschland wieder einen echten Urwald zu schaffen, wurde vor fast drei Jahrzehnten
der "Nationalpark Bayerischer Wald" gegründet. Das Fernziel war es, den Baumbestand
ohne menschliche Eingriffe heranwachsen zu lassen, bis sich in vielen Jahrzehnten von Menschenhand
unbeeinflußter Urwald gebildet hat. Die Nutzung von Holz, Wasser und Gestein ist dort
seitdem strikt verboten. Der Mensch sollte dort seine Rolle als Nutznießer mit der des
Beobachters tauschen und die Verwandlung des Kulturwaldes zum Urwald beobachten können.
Über eine Million Besucher sind es, die seitdem jährlich den Nationalpark besuchen.
Auf über 200 Kilometer Wanderwegen werden die Besucherströme durch dieses Gebiet
gelenkt, so daß dadurch die Natur relativ wenig Störung erfährt.
Text © Walter J.Pilsak